Götz Alsmann

Entertainer

Musical-Zeitung.de: Sie sind Moderator, Sänger und Entertainer. Ein Beweis Ihrer Vielseitigkeit ist Ihr aktuelles Studioalbum "Götz Alsmann am Broadway", bei dem Sie sowohl für die Arrangements wie auch für die musikalische Leitung zuständig sind. Nach welchen Kriterien haben Sie die von Ihnen gesungenen 18 Broadway-Klassiker ausgesucht?

Götz Alsmann: Das hatte zu tun mit den Melodien, dem Gefallen. Ganz simpel. Dann habe ich mich auf die Suche nach alten, deutschen Übersetzungen gemacht und bin auch bis auf einen einzigen Fall, nämlich "Broadway", überall fündig geworden. "Broadway" allerdings ist kein klassisches Broadway-Stück, sondern ein Stück über den Broadway. Ich habe zu manchen Songs sogar zwei oder drei Übersetzungen gefunden, die alle offiziell irgendwann einmal genehmigt und lizenziert worden sind. Aber da waren auch einige Übersetzungen dabei, bei denen ich dachte: Owei! Da hat man sich ruckzuck eben mal was aus dem Kreuz geleiert. Denn oft ist es so, dass die Lieder, die Teil eines Musicals sind, bei uns nur als Einzelschlager angekommen sind. Da hat man sich nicht um den Zusammenhang innerhalb des Musicals gekümmert. Natürlich, bei "My Fair Lady" z. B. ist es so, dass die Übersetzung in einem Rutsch angefertigt und zu den Theatern gegeben wurde. Aber von Jerome Kern kennt man außer "Showboat" kaum ein Musical heutzutage hier bei uns. Nur seine Songs daraus sind sehr bekannt, sind Jazzklassiker und American Standards geworden. So haben die deutsche Übersetzungen mit dem eigentlichen Ursprungsmusical überhaupt nichts zu tun. Aber das macht ja nichts. Wie auch immer, das waren für mich die Kriterien bei der Auswahl der Stücke: Sind die Lieder gut sangbar, sind die Texte gut gearbeitet, passen sie gut zur Gesamtstimmung des Albums, gefallen sie mir, fällt mir dazu was ein beim Arrangement, passen sie zum Sound meiner Band?




 

Götz Alsmann Foto: Bill Douthart / Universal Music

Musical-Zeitung.de: Wie wichtig war es für Sie, das aktuelle Studioalbum am Broadway aufzunehmen? Der deutsche Text zum Lied "Broadway" stammt von Ihnen. Da beschreiben Sie den Broadway wie in höchsten Tönen, wenn es beispielsweise heißt: "Nirgendwo gibt es Straßen, sie sich mit dem Broadway messen lassen" oder auch "Die Nacht ist dort so hell wie der Tag".

Götz Alsmann: Das ist halt meine Übersetzung. Ich habe mich sehr stark am Originaltext orientiert, entlang der Aussagen des Originaltextes den deutschen Text gemacht. Viel wichtiger war für uns die Zusammenarbeit mit dem SEAR Sound Studio. Das ist das älteste New Yorker Studio. Wir waren in einem Studio, das mit 290 Vintage Mikrofonen von den 30er bis 60er Jahren ausgestattet ist. Ein Studio, in dem große Jazzproduktionen neben vielen weiteren Produktionen gelaufen sind. Unmittelbar vor uns war Yoko Ono da, und direkt nach uns kam Paul Simon. Also ist es nicht nur klassische Broadway Musik, die da aufgenommen wird, aber es ist ein Team dort, das den Sound unserer Band verstanden hat. In Paris waren wir auch in einem historischen Studio mit einem französischen Team. So zeigt sich auch, dass jenseits der geschriebenen Noten, die man überall aufnehmen kann- in Timbuktu oder in Grönland - die Arbeit am klingenden Objekt eben das ist, was die Arbeit ausmacht. Das war in New York schon sehr speziell.

Musical-Zeitung.de: Ihr Album "In Paris" haben Sie auch direkt vor Ort und sozusagen unterm Eifelturm aufgenommen. In wie weit bedeutet Musik für Sie auch immer, kulturbegeistert zu sein?

Götz Alsmann: Musik ist grundsätzlich für jedermann und in jeder Form irgendwie erlernbar. Jeder kann auch den mongolischen Obertongesang erlernen, wenn er das möchte. Aber ich möchte die direkte örtliche Atmosphäre nicht zu esoterisch werten. Ich glaube, es hat zu tun mit den Leuten, mit denen man da arbeitet. In Paris war es halt so, dass ich irgendwann mal den Tonmeister gefragt habe: Nun komme ich hierher als Deutscher und singe "La Mer". Das Lied müsste Ihnen doch schon längst zum Hals raushängen, und dann singt das auch noch ein Ausländer. Da schaute er mich nur an - es war ein eher junger Mann - und sagte: Wir fragen uns, warum das nicht viel öfter passiert, denn ein jeder liebt "La Mer". Nun ist in Übersee leider aber das American Songbook bei weitem nicht so präsent in der Bevölkerung wie in Frankreich das klassische Chanson Repertoire. (lacht) Wenn wir also Amerikanern sagten, was wir da genau machen, guckten die und wussten gar nicht, wovon wir sprachen, es sei denn es waren Leute aus der Branche.

Musical-Zeitung.de: Bei Ihrem aktuellen Album entgeht dem aufmerksamen Booklet-Leser nicht, dass zwei deutschsprachige Textfassungen die Handschrift von Frank Thannhäuser, dem Intendanten vom Imperial Theater, tragen. Wäre das für Sie nicht auch ein Grund, einmal das Imperial Theater zu besuchen, um sich von der Kunstfertigkeit Frank Thannhäusers vor Ort zu überzeugen?

Götz Alsmann: Warum nicht?

Musical-Zeitung.de: Einige Songs Ihres aktuellen Studio-Albums werden gewöhnlich von weiblichen Interpretinnen gesungen, wie beispielsweise "Ich hätt' getanzt heut' Nacht"...

Götz Alsmann: Da muss ich Ihnen widersprechen. Ich bin ja nun alt genug, die große "My Fair Lady"-Zeit miterlebt zu haben. Wenn es nicht gerade szenisch aufgeführt wurde, dann wurde "Ich hätt' getanzt heut' Nacht" von mindestens genau so vielen Männern gesungen wie von Frauen. Ich habe es von allen möglichen Sängern früher in Fernsehshows gehört. Tatsache! Die Lieder aus dem Musical "My Fair Lady" sind ja bis auf sehr, sehr wenige Ausnahmen geschlechtsübergreifend interpretierbar. Es ist bei vielen American Musicalstandards ja gerade so, dass vielfach das Geschlecht gewechselt wurde. Da brauchte man nur ein, zwei Wörter austauschen, und es funktioniert.

Musical-Zeitung.de: Klickt man auf Ihre Homepage, um sich näher über Sie zu informieren, stößt man auf Begriffe wie "Jazzschlager" oder "Alsmann-Sound", den Sie Ihren Interpretationen verpassen. Wie würden Sie den typischen "Alsmann-Sound" beschreiben?

Götz Alsmann: Es hat schon mit meiner Art zu tun, für meine langjährigen Musiker direkt zu schreiben. Ich spiele schon seit Jahrzehnten mit den gleichen Kollegen zusammen und man weiß genau, wie man etwas zum Klingen bringt und wie man ein etwas ungewöhnliches Instrumentarium einsetzt, wo man vielleicht auch humorvolle Sprengel in das Arrangement einfließen lässt, wo es etwas jazzhaft wird und gelegentlich auch leicht parodistisch. Es ist eine Mischung aus allem. Jazzhaft aber ist unser Klangbild.



Musical-Zeitung.de: Sie haben nicht nur Musik-CDs aufgenommen, sondern auch Hörbücher wie "Der Hund von Baskerville" als Lesung mit Musik. Welches Verhältnis haben Sie zur Literatur?

Götz Alsmann: Die Literatur ist neben der Musik mein hauptsächlicher Zeitvertreib. Ich war immer schon interessiert an Literatur und habe auch Germanistik im Nebenfach studiert. Zudem bin ich auch in einer Zeit aufgewachsen, als das Fernsehen erst um 16.00 Uhr begann und um 23.30 Uhr wieder aufhörte. Da hat man natürlich eine andere Beziehung zu Radio und Literatur als Kulturträger.

Musical-Zeitung.de: Sie haben in der Komödie "Alles wegen Robert de Niro" mit der großen Sängerin und Musicaldarstellerin Angelika Milster gespielt. Mit der deutschen Synchronstimme von Robert de Niro und Ihrem Kollegen Roger Willemsen sind Sie auf der CD "Ich bin nicht Karl May" zu hören. Was fasziniert Sie an Lesungen?

Götz Alsmann: Angelika Milster habe ich vorgestern getroffen - zufällig in einem Hotel in Chemnitz. Da haben wir zusammen gefrühstückt. Die Lesung "Ich bin nicht Karl May" fand statt im Rahmen einer großen Veranstaltung, der Lit.COLOGNE, dem größten Literaturfestival im deutschsprachigen Raum. Es war wie ein Klassentreffen von uns. Roger Willemsen und ich kennen uns auch schon seit zwanzig Jahren, und Christian Brückner kenne ich auch schon fast so lange. Es war eine Zusammenarbeit, die sozusagen ganz geschmeidig aus dem Nichts über uns hereinbrach. (lacht) Das war eine öffentliche, mitgeschnittene Lesung. Meistens ist es nämlich so, dass Lesungen im Studio eingelesen werden. Wir aber haben uns tatsächlich ins kalte Wasser begeben, und das hat mir so gut gefallen, dass ich später noch mal ein Hörbuch live aufgenommen habe, den "Herrenabend". Und das hat dann halt nur diese eine Chance gehabt.

Musical-Zeitung.de: Mit Ihrem aktuellen "Broadway-Album" kommen Sie im Mai dieses Jahres nach Hamburg. Welche Seiten kennen Sie als Musiker von Hamburg, und wieviel Kultur haben Sie für das Hamburger Publikum im Gepäck?

Götz Alsmann: Ich habe Spielkultur, Gesangskultur und gutes Aussehen im Gepäck. Aber davon abgesehen, kenne ich Hamburg schon sehr lange und sehr gut. Ich habe im Laufe der Jahrzehnte sehr viel Fernsehen in Hamburg gemacht und einen großen Teil der Neunziger Jahre dort verbracht. Aber wie es halt so ist, man kommt zum Arbeiten in so eine Stadt.

Musical-Zeitung.de: Sie haben ein Album in New York und eines in Paris aufgenommen. In wie weit wäre es im realistischen Rahmen, dass Sie einmal ein Musical-Album in Hamburg produzieren?

Götz Alsmann: Ich glaube, das ist jenseits meiner Vorstellung. Diese in Hamburg praktizierte und sehr erfolgreiche Musicalkultur ist doch etwas sehr Anderes als das, was wir machen. Da werden doch sehr zeitgenössische, Rock-orientierte Musicals gespielt. Und das ist sehr weit weg von mir.

Musical-Zeitung.de: Ihr Album "In Paris" wurde mit Platin ausgezeichnet. Was bedeuten Ihnen Ihre Auszeichnungen?

Götz Alsmann: Viel. Denn sie sind ein Zeichen der Zuneigung des Publikums. Ich habe zwei Mal den Echo gewonnen, die Goldene Stimmgabel, auch den Grimme Preis. Das sind ja nicht nur Gunstbezeugungen einer Fachjury, sondern ist auch eine Gunstbezeugung des Publikums.



Musical-Zeitung.de: Im Fernsehen sind Sie dem Publikum vor allem durch die Sendung "Zimmer frei" bekannt. Die Sendung erreichte Kult-Status? Was ist für Sie Kult? Und wie geht der Alsmann-Kult weiter, wenn die Sendung 2016 ausläuft?

Götz Alsmann: Der Kultstatus ist schwer zu definieren. Ein berühmter Musiker hat einmal gesagt: Wenn du ein Kultheld bist, bist du ein Verlierer. Denn Kult umfasst immer eine kleine, eingeschworene Gemeinde. Aber ich glaube schon, dass die Sendung "Zimmer frei" schon so lange existiert, dass sie das Leben von manchen Menschen beeinflusst hat und deren Freizeitverhalten. Kultstatus heißt vielleicht auch, dass man abseits vom Mainstream und vom Massengeschmack etwas etablieren konnte, was eine starke Loyalität beim Zuschauer oder beim Zuhörer auslöst. Der Erfolg war für uns alle überraschend und -ehrlich gesagt- ist immer noch überraschend. Da hatten wir schon eine beeindruckende Gästeliste am Start. Das muss man sagen.

Musical-Zeitung.de: Welche Gäste haben Sie am meisten beeindruckt? Welche Gäste, die Ihnen viel bedeuten, waren nicht in Ihrer Sendung?

Götz Alsmann: Bei einigen hat es zeitlich nicht mehr gereicht. Einige haben uns verlassen, von denen ich mir gewünscht hätte, dass sie noch zu "Zimmer frei" gekommen wären. Wir haben weit über 700 Folgen produziert. Wenn ich mir da einen herauspicken würde, wäre das ungerecht, aber es waren eine ganze Menge beeindruckender Begegnungen dabei- quer durch die Generationen und Branchen. Es hat viele Leute gegeben, von denen ich mir viel erhofft habe und von denen dann gar nichts kam. Es hat auch Leute gegeben, von denen ich nichts erwartet hatte und es kam dann sehr viel. Da gibt es kein Schema, da gibt es keine Regel, da gibt es kein Grundgesetz. Das hat sehr viel mit Persönlichkeit, sehr viel mit Sympathie zu tun. Auch mit der Ausstrahlung. Es hat aber auch mit glücklichen Tagen zu tun, an denen einfach alles funktioniert. Dafür gibt es kein Rezept. Man kann sich natürlich bemühen, Regeln herauszuarbeiten, um damit durchgehend gute Ergebnisse zu erzielen, aber irgendwie stoßen alle diese Regeln irgendwann an ihre Grenzen.

Musical-Zeitung.de: Was haben Sie als Musiker und Moderator lernen müssen, um derart erfolgreich zu sein?

Götz Alsmann: Nicht ganz so schnell zu sprechen, obwohl einige behaupten, das sei mir bis heute noch nicht gelungen ...

Musical-Zeitung.de: Vielen Dank für dieses nette Interview und viel Erfolg weiterhin!

Interview-Stand: 03/2015



Tipp: Im November 2015 erscheint das neue Weihnachtsalbum von Götz Alsmann in Zusammenarbeit mit der WDR Big Band. "Winterwunderwelt Vol. 2"- die bekanntesten Winter- und Weihnachtstitel in deutscher Sprache und neuem Jazzgewand!